Technologietransfer in Göttingen und an der UMG

13.07.2021

Wir haben die Recherche für den Gründungs-Newsletter zum Anlass genommen um mit dem Leiter Stabsstelle Wissens- & Technologietransfer Alexander Berg über die aktuelle Situation und Aktivitäten der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) zu sprechen, dies kam dabei heraus:

Wie schätzen Sie das Gründungsgeschehen am Standort Göttingen ein?

Um ehrlich zu sein: mein Fokus liegt sehr auf dem Life Science-Bereich, so dass ich mir primär dazu ein Urteil erlauben möchte. Mit den Ideen und den Gründungsteams sind wir sehr zufrieden und glücklich. Aktuell noch wenig bekannte Unternehmen bergen enorme Potentiale.  

In Zahlen heißt es konkret: Seit 2015 gab es 7 Ausgründungen aus der UMG – also eine bis zwei Ausgründungen pro Jahr. Hinzu kommen jährlich etwa 15 bis 20 Erfindungsmeldungen, von denen ein Teil durch Auslizensierung ebenfalls wichtig für den Technologietransfer der UMG ist.

Bei der Anzahl der Ausgründungen liegen wir aber noch weit hinter unserem Potential zurück. Ein schlechter Trost ist es, dass die meisten deutschen medizinischen Fakultäten nicht besser dastehen. Wir haben den Ehrgeiz, in Zukunft internationalen Vergleichen standzuhalten.

Was zeichnet den Standort Göttingen in Bezug auf die Startup-Szene besonders aus – auch gegenüber anderen Städten (z.B. in Nds.)?

Mit der UMG, den Max-Planck-Instituten und dem Deutsches Primatenzentrum (DPZ) haben wir am Standort Göttingen Forschungseinrichtungen, die im Life Science Bereich Forschung auf Weltniveau betreiben. Diese Dichte können Sie nicht nur in Deutschland, sondern in Europa suchen. Das müssen wir besser für den Ausbau der Göttinger Startup-Szene nutzen.

Grundsätzlich haben wir in der Region Südniedersachsen viele engagierte und gut vernetzte Einrichtungen mit Unterstützungsangeboten für Ausgründungen.
Forschende der UMG nehmen konkret die Beratungsangebote verschiedener Kooperationspartner in Anspruch. Nennen möchte ich beispielhaft die Gründungsförderung der Uni, die Angebote der Life Science Factory, des GWG-Life Science Accelerators unter dem Dach des SüdniedersachsenInnovationsCampus (SNIC) und die Unterstützung weiterer SNIC-Partner.  

Daneben haben wir mit Sartorius, ottobock, KWS und Evotec weltweit agierende, innovative Unternehmen aus dem Life Science-Bereich in der Stadt und der Region. Die verschiedenen Initiativen der Industrie, wie zum Beispiel die Ausrichtung des Life-Science-Start-up-Day zeigen, dass hier ein sehr großes Interesse und Engagement für den Technologietransfer besteht.

Festzuhalten ist: Die Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen, Industrie und Startup-Förderung im Life Science Bereich birgt hier am Standort ein enormes Potential, wie Sie es sehr selten in Deutschland finden.

Welche Änderungen/Maßnahmen würden aus Ihrer Sicht das Göttinger Gründungsökosystem verbessern?

Anfangen möchte ich mit den Maßnahmen, die innerhalb der UMG erforderlich sind und bei uns gezielt verfolgt werden: Die Sensibilisierung der Forschenden für den Technologietransfer – von der Erfindungsmeldung bis zur Startup-Ausgründung.

Aus meiner Sicht müssen wir neben dem sehr umfangreichen, generellen Angebot für Ausgründungen auf die Besonderheiten im Life Science-Bereich spezielle Angebote vorhalten. Fast alle Ausgründungen aus der UMG unterscheiden sich in folgenden Punkten von Ausgründungen aus dem Nicht-Life Science-Bereich: die Vorlaufzeit ist sehr lang und sehr kostenintensiv. Ob ein Ansatz erfolgsversprechend ist, zeigt sich oftmals erst nach Jahren der Forschung und Entwicklung und kostet schnell Millionenbeträge.
 
Um dem Rechnung zu tragen, benötigen wir eine zusätzliche Struktur in unserem Gründungsökosystem. Die enge Kooperation mit finanzstarken, international aufgestellten Unternehmen ist hierfür unerlässlich. Die gemeinsamen Konzepte hierzu sind bereits erfreulich weit fortentwickelt.

Was hat sich in den letzten 2-3 Jahren an der UMG in puncto Ausgründung verändert?

In erster Linie verstehen wir heute den Technologietransfer als strategische Aufgabe der UMG! Das war nicht immer so.
Wir sehen im Technologietransfer neben der Forschung und Lehre sowie der medizinischen Versorgung eine weitere Säule in der Zukunftsstrategie der UMG.  

Konkret sind wir dabei die Rahmenbedingungen für Ausgründungen aus der UMG zu verbessern und die Forschenden für Technologietransfer zu sensibilisieren. So haben wir die Möglichkeit für Freistellungen zum Zweck der Firmengründung vereinfacht; die UMG kann sich an Ausgründungen direkt beteiligen; Technologietransfer spielt in den Zielvereinbarungen mit den Kliniken eine Rolle. Das sind nur einige der erfolgten Initiativen.
 
Bestehende Kooperationen wurden in den vergangenen Jahren intensiviert und ausgebaut. Neue Kooperationen im Technologietransfer, insbesondere mit Sartorius und der Life Science Factory, wurde begründet. Mit den Industriepartnern der Region sind weitere Einrichtungsübergreifende Maßnahmen geplant.
Konkrete Beispiele für Aktivitäten mit unseren Kooperationspartnern, der Universität und der Life Science Factory, ist die gut besuchte Veranstaltungsreihe zu Ausgründungen aus der UMG.

In konkreten Fällen wurden Kontakte und Wagniskapitalgeber an Forschende und Gründerteams vermittelt. Die Gründungsberatung der Universität hat Gründerteams, wie z.B. das 3Digity-Team von Prof. Schilling, bei der erfolgreichen Fördermittelbeantragung betreut.

Wo können wir als Stadt Göttingen/GWG konkrete Unterstützung leisten?

Mit der GWG sind wir insbesondere über das SNIC-Netzwerk verbunden. Für uns – wie für alle Player im Göttinger Transfer-Ökosystem – ist der Austausch extrem wichtig. Gemeinsame Veranstaltungen und konzertierte Aktionen zum Einwerben von Fördermitteln sind auch in Zukunft unerlässlich. Für die Ausgründungen, welche die erste Wachstumsphase hinter sich haben, benötigen wir Räumlichkeiten. Hierzu haben wir schon sehr spannende Gespräche geführt.
 
Was sind aus Ihrer Sicht besonders erfolgsversprechende Ausgründungen aus der UMG? Und aus welchem Grund?

Mit der Gründung der Silent HighTec Solutions GmbH von Dr. Friedrich können wir die erste Ausgründung für 2021 verzeichnen. Dr. Friedrich hat ein Kommunikations-System für OP-Teams entwickelt, welches bereits in unseren OPs im Einsatz ist. Das System wird zukünftig auch in anderen Bereichen als in Krankenhäusern zum Einsatz kommen.
Ausgründungen von Prof. Zimmermann im Bereich der Kardiologie haben Tissue-Engeneering zum Gegenstand. Insbesondere Repairon hat mit diesen Techniken einen völlig neuen Ansatz zur Behandlung von Herzschwäche mittels eines „Herzpflasters“ entwickelt. Gerade wurde mit der weltweit ersten klinischen Studie mit diesem Therapieansatz an der UMG begonnen.
Mehrere Ausgründungen beruhen auf speziellen Ansätzen mit Antikörpern bzw. Nano-Bodies. Prof. Dobbelstein hat eine Firma mit Prof. Görlitz vom MPI gegründet. Dabei geht es um spezielle Therapie und Diagnostik-Ansätze für SARS-CoV-2.
Die NanoTag GmbH von Prof. Rizzoli und Dr. Opazo kombiniert den Einsatz von Nano-Bodies mit der STED-Mikroskopie, für welche Prof. Hell den Nobelpreis erhalten hat, für diagnostische Zwecke.

Alle diese Ausgründungen sind einerseits erfolgsversprechend, weil die zugrundeliegenden Ideen hoch innovativ sind, und andererseits, weil die Gründerteams den notwendigen Spirit besitzen. Das sind die entscheidenden Erfolgsfaktoren.

Bildnachweis ©Michael Mehle

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